Grundsatzdiskussion der Kampagne
Kaum ein anderes Thema hat in den letzten Jahren einen solchen Bedeutungszuwachs erfahren, wie die Förderung von Kindern im Elementarbereich. Vor diesem Hintergrund müssen Kindertageseinrichtungen, neben den gesellschaftlichen Veränderungen, immer häufiger auf politische Forderungen reagieren. Diese Forderungen streben aktuell zwar ein ausreichendes quantitatives Angebot an, die qualitativen Standards werden jedoch vernachlässigt.
Unsere ausfürliche Position finden Sie hier…
Wir freuen uns auf spannende Diskussion.

Hallo,
es wird Zeit, das Niedersachsen diese Laterne endlich abgibt!
Lieben Gruß aus Lehrte
M. Borgmann
GUTE KITAS FÜR ALLE KINDER!
Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Bildungsarbeit in Kindertagesstätten gehört aus Elternsicht zuallererst einmal, dass allen Kindern die Möglichkeit gegeben wird, eine Kita besuchen zu können. Selbst in einer so großen Stadt wie Hannover ist das nicht selbstverständlich.
Auf ein strukturelles Problem möchte ich in diesem Zusammenhang hinweisen:
Obwohl ein persönlicher Rechtsanspruch auf Kindergartenbesuch für Kinder ab drei Jahre besteht, ist es strukturell nicht vorgesehen, dass Eltern für ihr Kind diesen Rechtsanspruch unmittelbar umsetzen, denn die Aufnahme in einen Kindergarten findet in der Regel immer zu Beginn des Kindergartenjahres, also Anfang August statt.
Wird das Kind aber nicht genau im August drei Jahre alt, sondern beispielsweise erst im November, dann wird es zu Beginn des Kindergartenjahres noch nicht in den Kindergarten aufgenommen, weil es ja erst zwei Jahre alt ist.
Wenn das Kind dann im November drei Jahre alt wird, dann sind alle Kindergartenplätze schon besetzt.
Dieses Problem könnte ganz offensiv angegangen werden, indem man in jeder Kindergartengruppe mit einer deutlich kleineren Anzahl Kinder, z. B.: mit 15 Kindern, in das Kindergartenjahr startete, so dass bei den gegenwärtigen gegebenen Gruppengrößen zehn offene Plätze für Nachrücker zur Verfügung stünden.
Obwohl das Problem bekannt ist und die Abhilfe auf der Hand liegt, geschieht nichts in diese Richtung.
Die Stadt geht offensichtlich davon aus, dass jeder Kindergarten die Freiheit hat, so zu verfahren wie hier vorgeschlagen und sieht deshalb von ihrer Seite keinen Handlungsbedarf.
Den einzelnen Kitas jedoch entstünden erheblich Einnahmeausfälle, wenn sie tatsächlich so verfahren würden. Für die Kitas und ihre Träger ist dieses Verfahren unter den gegebenen Voraussetzungen schlicht nicht finanzierbar.
Aus Sicht von uns Kita-Eltern entsteht so der Eindruck, dass es Verwaltung und Politik in der Stadt Hannover und in vielen anderen Kommunen, in denen das selbe Problem besteht, überhaupt nicht gelegen ist, dass Eltern ihre Kinder im Kindergarten anmelden.
Was hier geschieht ist blanke Ausgrenzungspolitik, denn selbstverständlich werden die Eltern von Kindern, die erwerbstätig sind und/oder mit einem entsprechenden bildungsorientierten Hintergrund alles daran setzen, doch noch irgendwie ihrem Kind den Besuch der Kindertagesstätte zu ermöglichen und nötigenfalls auch den Klageweg einschreiten.
Währenddessen werden viele benachteiligte Familien an dieser Stelle gleich doppelt benachteiligt: Sie sehen oftmals nicht den hohen Bildungswert des Kita-Besuches, sie sehen sich nicht in der Lage, ihren berechtigten Anspruch durchzusetzen und bei ihnen entsteht der Eindruck, der Kindergartenbesuch sei ausschließlich für Kinder erwerbstätiger Eltern vorgesehen.
Wenn wir von Elternseite dieses Problem bei den zuständigen Personen in Politik und Verwaltung ansprechen, dann wird uns mal mehr offen, mal mehr zwischen den Zeilen signalisiert, dass wir gefälligst froh zu sein hätten, dass es bereits so viele Kindergartenplätze gäbe und unsere Forderung nach einem offensiven Bemühen, das Bildungsangebot Kita noch mehr Menschen nahe zu bringen nur dadurch erkauft werden könne, dass sich die Bedingungen in den Kitas langfristig verschlechterten oder stagnierten, weil das zur Verfügung stehende Budget begrenzt sei. “Entweder gute Kitas für viele oder schlechte Kitas für alle, da müssten wir uns halt entscheiden.” Letztlich bleibt der Eindruck hängen, dass die rot-grüne Regierungskoalition in Hannover sich nicht daran stört, mit dieser Politik als Interessensvertreter einer sich als elitär dünkelnden Bevölkerungsschicht wahrgenommen wird, die ärmere und benachteiligte Bevölkerungsgruppen ausgrenzt.
Als Kita-Stadtelternrat haben wir uns anders entschieden: Wir fordern gute Kitas für alle! Deshalb möchte ich auf diesem Weg einladen zu einer Podiumsdiskussion, zu der der Kindertagesstätten-Stadtelternrat Hannover Bundestagswahlkandidatinnen und -kandidaten aus den beiden hannoverschen Wahlkreisen auf’s Podium gebeten hat. Thema: Qualität und Quantität in Kindertagesstätten. Die Veranstaltung findet statt am Dienstag, 15, September um 20:00 Uhr, im Europasaal im Haus der Jugend in der Maschstr. 22-24, ca. 5 Minuten fußläufig von der Stadtbahn- und Bushaltestelle Ägidientorplatz aus erreichbar!
Georg Weil (Kita-Stadtelternrat Hannover, Sprecher)
Hallo,
ich möchte mich mal zu dieser ganzen Bildungsgeschichte in den Kindergärten äußern. Es soll ja nun eine Demo für mehr Bildung in den Kindergärten stattfinden. Ich verstehe einfach nicht, was das soll. Der Kindergarten ist KEINE Bildungseinrichtung sondern eine Betreuungs”stätte” für Kinder. Eine Bildungseinrichtung ist die SCHULE, da wird gelernt. Ich bin absolut dagegen, die Kinder so früh mit “Bildung” vollzustopfen, auch wenn immer wieder betont wird, es wäre ja alles spielerisch! Die Kinder sollen Kinder bleiben, die Schule kommt noch früh genug. Wo sind die Eltern, die meiner Meinung sind????? Wollen die anderen Eltern, dass ihre Kinder Genies werden???? Wozu Englisch im Kindergarten???? Können sie dann besser die Sprache???? Vielleicht erst mal richtig Deutsch sprechen!!! Ich habe 3 Kinder, eins davon ist im Kindergarten, es ist glücklich, wenn es mit anderen Kindern spielen kann und einfach KIND sein darf!!! Aber bitte, wem das für sein Kind nicht genügt….
Sehr geehrte Frau Behrens!
Kitas sind höchst bedeutsame Bildungsinstitutionen und müssen deshalb kostenfrei für alle angeboten werden!
Das niedersächsische Kindertagesstättengesetz benennt eindeutig den Bildungsauftrag der Kindertagesstätten:
“§ 2 KiTaG - Landesrecht Niedersachsen
Auftrag der Tageseinrichtungen
(1) Tageseinrichtungen dienen der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern. Sie haben einen
eigenen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Tageseinrichtungen sollen insbesondere …” (zitiert bei: http://www.jugendhilfeportal.de/downloads/Rechtsfragen/NdsKitaG.pdf) Sie können auf der angegebenen Seite oder irgend einer anderen Seite im Internet oder in einer Bibliothek, in der sie das Nds. KitaG finden, nachlesen, in welchen Bereichen Kita-Kinder erzogen und gebildet werden sollen. Ein “verschultes” Lernen, wie Sie befürchten, zählt nicht dazu!
Aber völlig unabhängig von diesen gesetzlichen Vorgaben kann ich Ihnen einen sehr plausiblen Beleg dafür nennen, dass in Kitas Bildungsarbeit geleistet wird. Ich bin Berufsschullehrer und arbeite im Bereich Förderung benachteiligter Jugendlicher. Da gibt es u. a. Klassen mit Schülerinnen und Schülern ohne Hauptschulabschluss. Es greift zu kurz, wenn man das allein den Förderschulen und Hauptschulen anlasten oder auch die Eltern allein dafür verantwortlich machen wollte, denn bei entsprechenden Umfragen, die ich regelmäßig in solchen Klassen durchgeführt habe, kam immer wieder heraus, dass nur ganz wenige der Schülerinnen und Schüler aus diesen Klassen je eine Kindertagesstätte von innen gesehen haben. Es kann kein Zufall sein, dass schulischer Misserfolg in so vielen Fällen mit dem Nichtbesuch einer Kindertagesstätte zusammenfällt.
Der Kindertagesstätten-Stadtelternrat fordert daher schon seit vielen Jahren den kostenfreien Zugang zu Krippe, Kindergarten und Hort inklusive kostenfreien Mahlzeiten in den Kitas!
Leider wird viel zu oft noch im Bewusstsein vieler Menschen die Kita als eine Art Serviceunternehmen missverstanden, in der Eltern ihre Kinder stundenweise zur Betreuung “abgeben” können.
Leider gibt es bisweilen auch Kita-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diesem Missverständnis Vorschub leisten, eine bessere Ausbildung und Weiterbildung ist daher dringend geboten!
Dieses Missverständnis verstellt dann auch den Blick dafür, wie notwendig es ist, dass Kitas kostenfrei angeboten werden müssen. Wer davon ausgeht, die Kita sei eine “Servicestation”, die sich auf die stundenweise Betreuung von Kindern beschränkt, der findet es womöglich in Ordnung, dass dafür die Eltern etwas zahlen müssen.
Tatsache ist jedoch, dass der Besuch einer Kita den Kindern gut tut und für ihre Entwicklung wichtig ist. Der Kita-Besuch ist etwas, worauf ein Kind einen Anspruch hat. Dass kann freilich nicht bedeuten, das man alle Eltern dazu zwangsverpflichtet, ihren Kindern den Kita-Besuch zu ermöglichen (bisweilen schwärmen Kita- oder Kitaverwaltungs-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch davon). Aber es muss alles dafür getan werden, dass für alle Kinder unabhängig vom Erwerbsstatus oder den Einkommensverhältnissen der Eltern die Möglichkeit des Kita-Besuches gegeben ist. Das gilt insbesondere auch für nichterwerbstätige Eltern. Für den Kindergartenbesuch ab drei Jahren bis zum Schuleintritt gilt dieses Recht für vier Stunden täglichen Kitabesuch bereits. Allerdings verwehren vielerorts Kitagebühren den Zugang.
In Hannover beispielsweise gibt es die so genannte Kita-Gebührenstaffel. Diese soll dazu beitragen, dass auch einkommensschwache Eltern ihren Kindern den Kitabesuch ermöglichen können. Aber diese Gebührenstaffel beinhaltet sehr eng gesteckte Grenzwerte, ab denen Eltern dazuzahlen müssen. Und gerade für diese Familien, die knapp über den Grenzwerten liegen, ist der Kitabesuch eine immense finanzielle Belastung. Das wurde zuletzt deutlich als aufgrund der Einführung des Essensgeldes, das auch die Eltern bezahlen müssen, die nach der Gebührenstaffel freigestellt sind, viele Kinder von der Kita abgemeldet wurden.
Wird die Kita jedoch - viel stärker noch als jetzt schon - allgemein als höchst bedeutsame Bildungsinstitution anerkannt, dann müssen auch die Kita-Gebühren fallen!
Das oben genannte Beispiel Einführung des Essengeldes zeigt auch wie rücksichtslos Kommunen den Kita-Zugang begrenzen. Dabei geht es den Kommunen gar nicht in erster Linie darum, von den Eltern einen Beitrag zur Kita-Finanzierung zu erheischen. Vielmehr wird die Kommune durch die Nichtinanspruchnahme von Kita-Plätzen von den nicht unerheblichen Zuzahlungen, die die Kommune für jeden Platz leistet, bzw. im Fall der Nicht-Inanspruchnahme nicht leisten muss, quasi doppelt finanziell entlastet. Die langfristigen katastrophalen Auswirkungen werden dabei freilich nicht mit berechnet. Und die kommunale Untätigkeit wird bei schulischem Misserfolg alleine den Eltern angelastet.
Irgendwo hatte ich einen - wenn ich mich recht erinnere - afrikanischen Spruch gelesen, der hierzu passt: “Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf!” Freilich in Deutschland sagt die Kommune, wir sehen das ja alles ein, aber: “Das Land muss einen höheren Zuschlag zahlen.”, und die Länder stellen Forderungen an den Bund, der Bund wiederum verweist auf die Zuständigkeit der Länder (Kultushoheit) und die der Kommunen. Gekniffen sind dabei die Kinder.
Sehr geehrter Herr Weil,
vielen Dank für Ihre Meinung. Es ist ja alles schön und gut, dass jedes Kind ab 3 Jahren ein Recht auf ein Kindergartenplatz hat. Darum geht es mir aber nicht. Was mich stört ist, dass “man” (Politik, Eltern usw.) meinen, dass die Kinder in den Kindergärten unterfordert sind und mehr lernen müssten. Darum geht es doch wohl in der Demo am 4.9. Mir wurde im Kindergarten meiner Tochter gesagt, es wäre keine Demo, nur eine Infoveranstaltung… Naja, wers glaubt… Ich jedenfalls nicht. Ich weiss, dass ich mit meiner Einstellung alleine dastehe, aber ich stehe trotzdem dazu. Zum Beispiel habe ich ein Bertelsmann-Kommentar gehört, dass Akademiker-Eltern mehr von ihren Kindern verlangen, was die Bildung angeht. Mein Mann ist ebenfalls Akademiker, aber er teilt dieselbe Meinung wie ich. Wer meint, dass sein Kind z.B. in der Grundschule unterfordert ist (sagte mir kürzlich eine Mutter), der kann es ja zur Hochbegabten-Schule schicken. Wir alle sind doch zur Schule gegangen, haben wir alle vergessen, dass der Stress noch früh genug beginnt?? Und auch die Kindergartenzeit! War “unsere” Zeit (ich bin Jahrgang 1971) so schlecht?? Bildung hin oder her. Wenn man der Meinung ist, dass die Kindergärtnerinnen mit Lehrern gleichgestellt werden sollen, dann sollen sie bitte schön auch Abitur und ein Studium absolvieren, wie es sich gehört. Ich habe mittlerweile schon von vielen Eltern mitbekommen, dass ihr Kind schon vor der Schule vieles können muss. Sie üben Druck auf ihr Kind aus, bilden sich ein, es würde dem Kind Spass machen, so viel “um die Ohren” zu haben. Ich könnte hier noch viele Beispiele nennen, aber ich denke, es würde zu weit führen. Ich bin froh, dass ich mich hier mal ausdrücken konnte. Noch eins: In der ehemaligen DDR war es ja üblich, die Kinder früh in eine KRIPPE zu geben, damit Frau wieder arbeiten gehen kann und der Staat hatte alles unter Kontrolle. Wollen wir sowas????? Ich schreibe dies hier deshalb, weil ich gelesen habe, man sollte es gesetzlich verankern, also zur Pflicht machen, die Kinder in einen Kindergarten zu geben. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, die SCHULE hat einen Bildungsauftrag, im Kindergarten sollen die Kinder soziale Kontakte pflegen, mit anderen Kindern spielen toben. Natürlich “lernen” sie auch etwas, aber “gebildet” wird in der Schule. In diesem Sinne…!
Lehrer könnten von Erzieherinnen und Erziehern viel lernen!
Sehr geerte Frau Behrens,
sie schreiben: “Wenn man der Meinung ist, dass die Kindergärtnerinnen mit Lehrern gleichgestellt werden sollen, dann sollen sie bitte schön auch Abitur und ein Studium absolvieren, wie es sich gehört.”
Entschuldigen Sie bitte, wenn das unmittelbar Folgende etwas pedantisch klingen sollte, aber häufig sind Begrifflichkeiten ein guter Indikator für Veränderungen:
Die Berufsbezeichnung “Kindergärtnerin” ist heute abgelöst durch den Begriff Erzieherin (oder Erzieher). Schon wenn man versucht eine männliche Form von Kindergärtnerin zu formulieren, dann kommt man zu kuriosen Wortschöpfungen und es wird deutlich, dass hier eine Wandlung statt gefunden hat: Die männliche Kindergärtnerin wäre dann nämlich ein “Kindergärtner” oder sollte man sagen ein “Kindergärtneriner”?
Und selbstverständlich sollten Erziehrinnen und Erzieher studieren, mindestens an einer Fachhochschule. (Zum Vergleich: Lehrerinnen und Lehrer studieren in Deutschland an einer Hochschule, das ist sozusagen die höchste Ausbildungsstufe und steht noch über der Fachhochschule.)
Dabei geht es keinesfalls darum, dass die Erzieherin oder der Erzieher, oder wie Sie formulieren die “Kindergärtnerin” den Lehrern “gleichgestellt” werden in dem Sinne, dass sie jetzt in genau der selben Art und Weise mit den Kindern arbeiten sollen, wie es bislang nur Lehrer getan haben!
Im Gegenteil: Lehrerinnen und Lehrer könnten eine ganze Menge von Erzieherinnen und Erziehern lernen: Das gegenwärtige Schulsystem basiert noch immer viel zu stark auf den Prinzipien Frontalunterricht und Wissensvermittlung nach dem System Informationen reinstopfen und in Prüfungen abfragen und damit eng verbunden nach dem Ausleseprinzip, mit dem spätestens am Ende der vierten Klasse eine Schullaufbahnempfehlung steht, und die weitere Schul- und Berufslaufbahn meist unverrückbar festgelegt ist.
Erzieherinnen und Erzieher aber arbeiten in der Regel sehr viel stärker als Lehrerinnen und Lehrer integrationsorientiert. Sie knüpfen an den Erfahrungen und Stärken der Kinder an und bemühen sich um eine umfassende Förderung, die nicht darauf abzielt, die Leistungen in bestimmten Fächern zu benoten, sondern frei von Leistungs- und Notendruck Potentiale der Kinder zu entdecken und zu deren Entfaltung beizutragen. Gleichzeitig sind Erzieherinnen und Erzieher stärker als viele Lehrer darum bemüht, dass die Kinder - die ja aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und aus Elternhäusern mit unterschiedlichen Bildungshorizonten kommen, die eine unterschiedliche Religionszugehörigkeit haben und bisweilen unterschiedlichen Ethnien angehören - dass diese Kinder “im Kindergarten … soziale Kontakte pflegen” und ” mit anderen Kindern spielen toben.”, wie Sie es selbst ganz richtig am Ende Ihres Beitrages darstellen. Lehrerinnen und Lehrer könnten in dieser Hinsicht eine ganze Menge von Erzieherinnen und Erziehern lernen.
Sie spielen ferner auf die Verhältnisse in der ehemaligen DDR an. Dazu folgende Entgegnung: Die Kindertagesstätten in Deutschland sind in Trägerschaft von Kirchen und Wohlfahrtsverbänden mit ganz unterschiedlichen religiösen und politischen Ausrichtungen, die zum Teil geschichtlich und weltanschaulich betrachtet sehr entgegensetzte Pole besetzen. Es gibt aber auch Kitas in Trägerschaft der Kommunen sowie solche, bei denen eine Elterninitiative der Träger ist.
Leider - aus meiner Sicht leider - und die gegenwärtige Familienministerin Frau von der Leyen forciert das auch noch, nimmt die m. E. äußerst bedenkliche Entwicklung zu, dass Kitas als rein gewinnorientierte Unternehmen geführt werden. Diese Träger fühlen sich keinerlei Weltanschauung oder irgendwie dem Allgemeinwohl verpflichtet, denen geht es ausschließlich darum, Profit zu machen!
Bisweilen brüsten sich solche Träger sogar damit, dass bei Ihnen die Abwesenheit weltanschaulicher oder religiöser Grundhaltungen das gestalterische Prinzip der Einrichtung sei. Und das geht m. E. gar nicht, weil zu Erziehung immer auch Wertevermittlung gehört, die sich nicht darauf beschränken kann, die Freiheit von allen gesellschaftlichen Regeln und Moralvorstellungen zu “predigen”, sondern weil Erziehung ein positives Menschenbild in den Mittelpunkt stellen muss, zu dem hin es zu erziehen gilt, ein Menschenbild, das die Vermittlung bestimmter gesellschaftlicher Regeln und Moralvorstellungen mit einschließt.
Die Pluralität der Träger der Kindertagesstätten aber garantiert, anders als in der ehemaligen DDR, dass eine einseitige staatliche oder politische Indoktrination aus den Kindertagesstätten ausgeschlossen ist, weshalb ich Ihre diesbezügliche Bedenken, Frau Behrens, nicht teilen kann.
Ich wundere mich, dass die Kampagne der LAG die strukturellen Rahmenbedingungen für Bildungsarbeit in den Vordergrund stellt. Ich bin aktiver Rotkreuzler und weiß, dass unsere KiTas von den Kommunen sehr gut finanziert werden, dass sich strukturelle Fragen lösen lassen. Raumgrößen oder Verfügungsstunden für die Leitung haben kaum mit Inhalt und Qualität von Bildung zu tun.
Neulich im Urlaub auf Spanien lernten meine Kinder eine achtjährige Engländerin kennen. Auf die Frage nach der Schule erklärte sie, dass sie die vierte Klasse besuche. Ich habe keinen Zweifel, dass die dortige Grundschule mit vierjährigen Kindern altersgerecht umgeht, dass spielerisches Lernen im Vordergrund steht. In Belgien und Frankreich heißen die Kindergärten nicht ohne Grund Ecole maternelle. In Japan, weit vor uns Deutschen in der PISA-Studie, können alle sechsjährigen Kinder bei ihrer Einschulung in die Grundschule bereits mit dem japanischen “Alphabet” Kana lesen und schreiben, weil sie es spielerisch im Kindergarten gelernt haben. Als Eltern sehen wir Tag für Tag, dass unsere Vorschulkinder riesige Lernfortschritte machen und wissbegierig ihre Welt entdecken. Deshalb verstehe ich Eltern nicht, die noch über den Bildungsauftrag der KiTa diskutieren und von bloßer Kinderbetreuung sprechen bzw. jede Bildungsarbeit für Hochbegabtenförderung halten.
Ein paar Beispiele für sinnvolle “Bildung” in der KiTa:
Spielerischer, aber vorschulpädagogisch fundierter Umgang mit Buchstaben und Zahlen, ohne zu bremsen, wenn ein Kind lesen lernen möchte.
Durchführung des “Bielefelder Screenings” zur frühzeitigen Entdeckung der Kinder, denen aufgrund fehlenden “phonetischen Bewusstseins” eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS, Legasthenie) droht, und anschließendes Training des phonetischen Bewusstseins.
Analyse und Förderung jeglischer praktischer, intellektueller, musischer und kreativer Begabungen.
Erst wenn die Inhalte der vorschulischen Bildungsarbeit geklärt sind, können wir über die strukturellen Bedingungen diskutieren, die zur Umsetzung erforderlich sind. Brauchen wir z.B. studierte Grundschullehrer(innen) in jeder KiTa-Gruppe?
Hallo,
ich verfolge diese Bildungsdiskussion in der Politik und unsere “Übermutti” von der Leyen möchte halt, dass die Kinder noch besser gefördert werden. Es gibt Politiker (und auch Eltern!), die möchten, dass die Kinder bereits mit 4 Jahren in die Schule kommen (andere Länder machen das ja auch, TOLL was??) Ja, die Kinder sind noch klein, denen kann man noch viel erzählen, die glauben alles! Sie können sich schließlich nicht wehren. Natürlich lernen sie schnell, das sehe ich an meinen Kindern, ABER: ich lasse sie Kinder sein, ich fördere sie nicht extra mit irgend einem Bildungsmist, den sie jetzt noch nicht brauchen. Wie z. B. Englisch etc. Die Schule kommt noch früh genug. Und ich bin froh, dass ich (wir) selber entscheiden kann, ob meine Kinder den Kindergarten besuchen oder nicht. Es soll ja Menschen geben, die dies zur Pflicht haben möchten. Der Staat sollte bitte schön schon mal ein Auge drauf werfen! Meine persönliche Bitte: Lasst Kinder Kinder sein ohne Druck zum “Lernen” Das kommt alles von allein. Den meisten Eltern geht es doch nur darum, etwas ganz Besonderes aus ihren Kindern zu machen (vielleicht sehen sie sich selbst als “Looser”?) Ganz früh in die Schule, möglichst Abitur (ohne ist man ja kein ganzer Mensch), dann natürlich Karriere, was sonst? Ich finde das ganz schön arm, aber wer diesen Druck gerne machen möchte, bitte schön. Wir erziehen unsere Kinder “anders” als es heute üblich ist. Das ist eine freie Entscheidung und das sollte es auch sein!! Auch ich verstehe diese ganze Diskussion über Bildung nicht, weil wie gesagt: DIE SCHULE FÄNGT HIER AB 6 Jahren an. Das sollte so bleiben. Und nochmal: Wer viel Geld hat und meint, sein Kind ist superschlau, kann es zur Hochbegabtenschule schicken, auch das ist möglich (nur die Frage, was die “normalen” Lehrer davon halten. Ob sie auch dieser Meinung sind… Es ist ziemlich egal, wie ANDERE Länder das handhaben. Wir leben hier in Deutschland. Ansonsten kann man ja auch auswandern. Wir brauchen dann studierte Lehrer, wenn verlangt wird, dass die Arbeit einer Kindergärtnerin dem Beruf der Lehrerin gleichgestellt werden soll. Es kann ja wohl nicht sein, dass ein angehender Lehrer(in) ein Studium machen muss und eine Kindergärtnerin den gleichen Status erhalten kann mit irgendwelchen Lehrgängen. Dann bitte schön richtig, wie es sich gehört!
Hallo Frau Behrens,
am Ende Ihres letzten Eintrag stimme ich Ihnen zu. Man muss bei allen Kampagnen, die angeblich nur das Beste für unsere Kinder wollen, sehr aufpassen, ob es nicht in Wirklichkeit nur um Tariferhöhungen für Erzieher(innen) oder mehr Geld vom Staat für die Träger der Einrichtungen geht. In beiden Fällen zahlen wir alle (auch die, die vor laufenden Kameras große Sympathie für die Forderungen und sogar Streiks äußern) als Steuerzahler die Zeche.
Sie sagen: “den meisten Eltern geht es doch nur darum, etwas ganz Besonderes aus ihren Kindern zu machen.” Mir geht es aber nicht um diese Eltern (m.E. nur eine kleine Minderheit), sondern um die Kinder. Im übrigen: Jedes Kind IST etwas ganz Besonderes!
Noch ein paar Beispiele, warum Bildungsarbeit bereits in der KiTa notwendig und sinnvoll ist:
Haben Sie schon einmal Kinder mit Migrationshintergund erlebt, die erst mit 5 Jahren in die KiTa kommen und kaum Deutsch sprechen? Ohne die Bildungsarbeit der KiTa (Sprachförderung geschieht in Niedersachsen in Kooperation mit Grundschulen) hätten diese Kinder nur geringe Chancen, sie wären in der Grundschule eklatant benachteiligt. Für diese Kinder (nicht für ihre Eltern!) ist die vorschulische Sprachförderung unbedingt erforderlich.
Aber auch viele einheimische Kinder werden heutzutage von ihren Elternhäusern nicht hinreichend gefördert. Da läuft den ganzen Tag der Fernseher, es fließt reichlich Alkohol. Mit den Kindern zu spielen oder ein Buch vorzulesen, wird vernachlässigt. Kinder aus solchen Familien brauchen die unterstützende Bildungsarbeit der KiTas und Schulen, damit sie nicht ihr ganzes Leben benachteiligt sind. Dies ist auch einer der Gründe, warum wir Ganztagsschulen brauchen. Staatliche Bildung muss die Defizite von manchen Elternhäusern ausgleichen.
Schließlich haben alle Kinder irgendein besonders Talent. Wenn dieses entdeckt wird, wenn die Kinder gefördert werden, ihr Talent entwickeln, Erfolgserlebnisse haben, blühen sie regelrecht auf. Dass sportliche Talente gesucht und gefördert werden, finden die meisten von uns selbstverständlich und richtig (außer in Extremfällen wie chinesischen Turnercamps). Die Förderung anderer Begabungen, z.B. durch musikalische Früherziehung, hat nichts mit Lerndruck und dem Ende der Kindheit zu tun. Ich fürchte allerdings, dass KiTas und Schulen zu dieser Art von Talententdeckung und -förderung kaum in der Lage sind, wenn die Beschäftigten nicht entsprechend ausgebildet sind und bei knappem Personal die Förderung benachteiligter Kinder im Vordergrund steht.
Im übrigen aber verstehe ich nicht, warum Sie, liebe Frau Behrens, vorschulische Bildung mit Druck zum Lernen gleichsetzen. Lernen Kinder ihre Muttersprache durch Druck? Natürlich nicht, sie lernen durch Vorbilder.
Noch eine Ergänzung zu Ihrer Äußerung, Frau Behrens: “Es ist ziemlich egal, wie ANDERE Länder das handhaben. Wir leben hier in Deutschland. Ansonsten kann man ja auch auswandern.”
Deutschland hat bei Vergleichsstudien wie PISA so schlecht abgeschnitten, dass wir uns schon Gedanken machen müssen,was andere Länder besser machen als wir.
Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate. Ist es auch die - kostenlose - Ecole maternelle in Frankreich, die zu der wesentlich höheren Geburtenrate in Frankreich beiträgt?
Laut OECD haben Kinder aus bildungsfernen Schichten in Deutschland viel geringere Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss als solche Kinder in anderen Ländern.
Ich könnte noch vieles aufzählen, was in Deutschland zu verbessern ist. Grund genug, uns bei den Nachbarn schlau zu machen, was dort besser läuft. Unser Land ist arm an Rohstoffen, Bildung ist unser Kapital. Wenn andere Länder es uns erfolgreich vormachen, dass man Kindern im Vorschulalter bereits spielerisch Bildungsinhalte vermitteln kann, ohne die Kinder zu überfordern, finde ich es - Entschuldigung - ziemlich arrogant zu sagen, das sei egal.
Die Nachbarn warten doch nur darauf, dass wir unsere Bildung vernachlässigen und die qualifizierten Arebitsplätze in andere Länder abwandern.
Sehr geehrter Herr von Leesen,
sie schreiben “Man muss bei allen Kampagnen, die angeblich nur das Beste für unsere Kinder wollen, sehr aufpassen, ob es nicht in Wirklichkeit nur um Tariferhöhungen für Erzieher(innen) oder mehr Geld vom Staat für die Träger der Einrichtungen geht. In beiden Fällen zahlen wir alle (auch die, die vor laufenden Kameras große Sympathie für die Forderungen und sogar Streiks äußern) als Steuerzahler die Zeche.”
Wenn es “nur” um Tariferhöhungen ginge, ohne dass diese durch irgendwas gerechtfertigt wären, oder wenn es nur um Geld für den Staat ginge, ohne dass die Träger Angaben darüber machen könnten, wofür sie dieses Geld einzusetzen gedenken, dann träfe Ihre Aussage zu.
Im konkreten Fall jedoch geht es nicht darum, dass das Tarifergebnis nach einem langen Streik den Erzieherinnen und Erzieher ein deutlich höheres Einkommen beschert, sondern gerade einmal dazu taugt eine deutliche Einkommensverschlechterung zu verhindern.
Und die Annahme, dass die Träger einfach so mehr Geld erhielten ist absurd, denn diese müssen sehr genau Rechenschaft ablegen, wofür sie das Geld verwenden. Es ist nicht so, dass sich da irgendwelche anonymen Träger einfach mal ebenso Steuergelder in die Taschen stecken könnten.
Die Welt und auch die Lebenswelt der Kinder ist deutlich komplexer geworden. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Kindheit nur einer Generationen vor uns gab es am Tag ca. eine Dreiviertelstund Kinderfernsehen, nur drei Fernsehsender und Sendebeginn war um ca. 17:00 Uhr. Heute gibt es dagegen zig Sender darunter mehrere, mit der expliziten Zielgruppe Kinder, die mehr oder weniger rund um die Uhr senden.
Diese Zunahme an Komplexität, bei der gerade die Medien eine sehr große Rolle spielen, braucht entsprechend komplexer ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher.
Hallo Herr von Leesen,
Kinder, die aus Migrationsfamilien stammen, haben es sicher schwer, die deutsche Sprache zu lernen. Denn die Eltern werden es kaum tun. ABER: Warum muss diese Aufgabe der Kindergarten übernehmen und dann auch noch für alle? Wenn ich nach England gehe, muss ich auf die Sprache lernen. ABER: Dies geschieht automatisch!! (Meine eigene Erfahrung…) Also können “diese” Kinder das auch! Ohne besondere Förderung. Zu den sogenannten vernachlässigten Kindern: Haben Sie vielleicht zuviel RTL geschaut??? Sicher gibt es die eine oder andere Familie, in der die Kinder den ganzen Tag vor der Glotze hängen, die Eltern Alkoholiker sind usw. Aber das ist doch nicht die Regel! Ich zähle meine Familie und mich auf jeden Fall für ganz normale Menschen. Unsere Kinder können ihren Sandmann gucken und ansonsten sind sie (3 Kinder) die meiste Zeit draussen, beim Sport, mit Freunden zusammen, geniessen die Zeit mit uns als Eltern, mit ihren Geschwistern. Sie geniessen einfach das Leben als KIND. Wie gesagt, es gibt immer mal wieder vernachlässigte Kinder (die gab es schon immer), aber dies zu verallgemeinern, stimme ich nicht zu. Zu den Talenten: Meine grössere Tocher (5 Jahre) kann besonders zu malen und basteln. Soll ich sie deswegen besonders fördern? Soll sie deswegen eine Malerin werden? Klar, sie möchte gerne Künstlerin werden, aber deswegen schicken wir sie sicher nicht auf eine Kunstschule. Das wird sich schon irgendwie von alleine entwickeln. Ich gehe mit meinen Kindern regelmässig schwimmen. Aber nicht, weil ich jetzt will, dass sie sofort schwimmen können, sondern weil ich selbst regelmässig schwimme, es ist meine Leidenschaft. Aber den Kindern soll es Spass machen, vor allen Dingen das Plantschen, den Umgang mit Wasser etc. Was ich damit meine ist, ich muss nicht immer gleich ein Genie entdecken wollen. Sie sollen einfach Spass haben. Die Kindern in den chinesischen Turnercamps tun mir leid. Ihre Eltern wollen natürlich potenzielle Olympiasieger sehen. Aber gut, muss jeder selbst wissen…
Nochmal zur frühen Bildung in den Kindergärten: Ich weiss ja nicht, wie jung Sie sind, Herr von Leesen, aber haben Sie vielleicht Bedenken, dass Ihre Rente mal nicht finanziert wird?? Das ist es doch, was viele befürchten. Also, die Kinder früh genug zur Schule, so früh wie möglich einen Abschluss (NATÜRLICH Studium, was sonst) und ab gehts mit Karriere… Aber bitte nur Junge Menschen!!
Ich bin sicher, dass viele denken, wenn man den Kindern nicht früh genug was beibringt, ist dies verlorene Zeit. Einfach Kind sein und die Welt entdecken ist wahrscheinlich zu einfach… Traurig finde ich das!! Aber zum Glück können unsere 3 ganz easy ihre Welt entdecken, bevor der sogenannte “Ernst des Lebens” beginnt.
Noch was: haben Sie vergessen, dass auch Sie mal Kind waren? Sie werden jetzt wohl sagen: Es waren andere Zeiten usw. ABER: Ich meine: Die Kinder waren schon immer dieselben!!!
Viele Grüsse
h
Sehr geehrte Frau Behrens,
es lohnt sich, über “andere Zeiten”, wie Sie es nennen, sich Gedanken zumachen:
Nehmen Sie zum Beispiel die Epoche der Industrialisierung, die sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog. Es war zugleich eine Epoche, in der klar wurde, dass hier eine Entwicklung stattfindet, die nur dann ihren Lauf nehmen kann, wenn entsprechend Ingenieure aber besonders ganz viele Facharbeiter ausgebildet werden, die in der Lage sind, die technischen Anlagen weiter zu entwickeln und sicher zu bedienen. Es ist kein Zufall sondern Teil dieser Entwicklung, dass in dieser Zeit das Schulsystem so ausgebaut wurde, dass jedes Kind eine Schule besucht. Denken Sie beispielsweise daran, wie in dem Roman “Heidi” der mangelhafte Schulbesuch des Geißenpeters thematisiert wird.
Es geht heute wie übrigens auch damals nicht darum, einzelne Kinder zu jeweils ganz speziellen Höchstleistungen anzuspornen und ihnen damit den Spaß an der Kindheit zu verderben, sondern es geht darum, bei möglichst allen Kindern, also in der ganzen Breite der Bevölkerung, frühzeitig gute Bildungsgrundlagen zu schaffen und gleiche Lebenschancen zu eröffnen. Das ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft und des Staates wichtig und auch dafür, dass auch für Sie jemand in Zukunft die Rente erarbeitet.
Um dass noch mal klar zu stellen: Es geht mir nicht um die Einführung einer Kindergartenpflicht. Es gibt Familien, die in der Lage sind, Kinder zu hause zu erziehen. Aber auch von denen machen die meisten von dem gesetzlichen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab drei Jahren Gebrauch.
Sehr viele Familien vertrauen den Kindertagesstätten und darauf, dass der Kindertagesstättenbesuch schon ab der Krippe gut für ihre Kinder ist. Dieses Vertrauen wird von staatlicher Seite schlecht honoriert, wenn die Krippenplatz-, Kita-Ganztagsplatz- oder Hortplatzsuche zum Lotteriespiel wird, wenn Kita-Gebühren erhoben werden, die Erzieherinnen und Erzieher schlecht bezahlt werden, keine Verbesserung der Ausbildung stattfindet und die Ausstattung Mängel aufweist.
In den Kita-Bereich müssen deutlich mehr staatliche Investitionen erfolgen, z. B. in besser ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher mit einem besseren Gehalt. Aber auch in einen besseren Personalschlüssel, nicht um einzelne Kinder zu Höchstleistungen anzuspornen, sondern um eine breite Förderung aller Kinder und eine besondere Förderung benachteiligter Kinder zu ermöglichen. Vor allem aber muss für jedes Kind
ein Krippenplatz, Kindergartenganztagsplatz und Hortplatz vorgehalten werden und wir Eltern auf der Suche nach Plätzen dürfen uns nicht länger veräppeln lassen von Phrasen wie “bedarfsgerechte Deckung”, die lediglich verschleiern, dass zu wenig Kita-Plätze angeboten werden.
Hallo Herr Weil,
wieso müssen denn die Kindergärtnerinnen noch besser ausgebildet werden?? Was sollen sie denn noch machen?? Sollen sie noch mehr “Bildung” vermitteln, das heißt, vielleicht Englisch, Mathe usw. vermitteln????? Was soll das denn?? Dann würde ich vorschlagen, wir streichen den Kindergarten und machen gleich eine Schule (Vorschule) draus. Was für ein Blödsinn!!!! WARUM reicht die Schule ab 6 Jahren für die Kinder nicht mehr aus???? Bin ich und noch andere, die “nur” die Realschule besucht haben, minderbemittelt??? Ab wann soll denn Ihrer Meinung nach der Schulbeginn anfangen?? Mit 3 Jahren vielleicht?? Es ist schon traurig, wenn man Angst hat, WER denn mal unsere Rente bezahlen wird. Na klar, uinsere Kinder, deswegen so früh wie möglich “Bildungsmöglichkeiten” schaffen. Sie sind wohl auch der Meinung, man sollte dies alles “staatlich” regeln. Hoffentlich wird es NIE dazu kommen!!! Ich kenne Familien, die ihre Kinder bis zur Schule zu Hause erziehen, und das sind völlig
NORMALE Kinder und die Eltern können das WIRKLICH. Und das finde ich toll! Ich bin froh, dass wir Eltern dies ALLEIN entscheiden können. Denn Schule ist PFLICHT! (Aber der Kindergarten nicht) Frage: Was hat die Geschichte um Heidi und Peter mit der “Realität” zu tun??
Frau Behrens, die Situation in der sich der Geißenpeter in dem Roman Heidi befindet ist Realität. Da der Roman vor über 100 Jahren entstand natürlich die Realität einer anderen Epoche. Damals war es noch nicht üblich und selbstverständlich, dass alle Kinder die Schule besuchten. Der Geißenpeter ist eines dieser Kinder, die das nur sehr unregelmäßig taten aber immerhin ging er manchmal hin, zumindest im Winter, denn im Frühling, Sommer und Herbst trieb er ja die Ziegen auf die Alm. Diese erfundene Romanfigur existierte in vielfältiger Form ganz real Mitte des 19. Jahrhunderts.
Und es gab zur Mitte des 19. Jahrhunderts für sehr viele Kinder in Deutschland eine Schulpflicht, die lediglich auf dem Papier bestand. Zum einen war’s vielen der Kleinstaaten in Deutschland schlicht zu teuer entsprechend Schulen einzurichten, zum anderen wurden die Kinder als Arbeitskräfte in den Familien benötigt.
Das Wort Schulpflicht entspricht vom Wortsinn her nicht genau dem, was damit bezweckt wurde. Es ging nämlich einerseits darum, dass der Staat sich selbst verpflichtete, ein entsprechendes Bildungsangebot bereit zu halten und andererseits die Kinder von harter Kinderarbeit in Landwirtschaft und Betrieben zu entpflichten, weil die höhere - weil gesetzlich reglementierte - Schulpflicht der Kinderarbeit vorgeht. Entsprechend müsste man eigentlich von einem Schulrecht sprechen, dass zur Pflicht gemacht wurde, damit wirklich jedes Kind die Möglichkeit hat, von seinem Anrecht auf Schulbesuch auch Gebrauch zu machen. Ziel der Bemühungen ist eine möglichst flächendeckende Verbesserung der Bildungssituation.
Genau darum geht es auch heute wenn z. B. der Kita-Stadtelternrat Hannover, bei dem ich mitarbeite, oder die Landeswohlfahrtsverbände eine bessere, eine Hochschulausbildung der Erzieherinnen fordern. Darüberhinaus fordert der Kita-Stadtelternrat Hannover den kostenlosen Zugang zu Krippe, Kindergarten und Hort. Selbst die konservative CDU-FDP-Regierung in Niedersachsen hat sich immerhin dahingehend bewegt, dass sie wenigstens das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung kostenfrei stellt.
Leider bewegen sich Verwaltung und Politik viel zu langsam dahin, dass sie im ausdrücklich von den Eltern erwünschten Umfange Kita-Plätze bereitstellen. Dabei hat Regierungshandeln heute gar nicht wie bei den Regierungen vor 150 Jahren, die die Sinnhaftigkeit von Schulbesuch erkannten, dass Problem, diesen Schulbesuch gegen den Willen der Eltern durchzusetzen. Die Eltern wünschen sich ja, dass ihre Kinder eine Kita besuchen und selbst Familien, die ihre Kinder vorwiegend zu hause erziehen, nehmen in der Regel das Angebot Kindergartenhalbtagsplatz war.
Aber der Zugang zur Bildungsinstitution Kita wird erschwert durch Gebühren. In der Kita leisten Erzieherinnen und Erzieher eine Bildungsarbeit, die den Staat rund 500 € monatlich je Kind kostet. Das ist vielen Eltern leider nicht hinreichend bewusst. Manchen ist es so wenig bewusst, dass sie ihre Kinder aus Hannovers Kitas abmeldeten, als die Stadt anfing Essensgebühren zu erheben. Da gab es Eltern, die aufgrund der in Hannover geltenden Sozialstaffel einen sog. Freiplatz für ihr Kind hatten - hinter dem ja eine Erziehungs- und Bildungsarbeit im Gegenwert von ca. 500 € mtl. stecken - die meldeten ihr Kind ab weil das Essensgeld eingeführt wurde.
Unabhängig von der Frage, ob es möglich ist, diese Problematik den Eltern zu vermitteln, müssen doch im Vordergrund erst mal die Kinder stehen, die können doch nichts dafür, dass sie Eltern haben, die nicht erkennen, dass die 30 € Essensgeld eine sehr lohnende Investition sind. Deshalb unsere Forderung nach kostenlosem Kita-Besuch für alle Kinder und Rücknahme der Essensgebühren!
Die Tatsache aber, die sie anführen, nämlich Beispiele erfolgreichen Aufwachsens in Familien, die sich hinreichend der Aufgabe Kindererziehung gewappnet sehen und es auch sind, darf nicht länger dazu führen, dass es zum Zwangsmodell für viele Familien wird, die bei der Vergabe von Krippen-, Kindergartenganztags- oder Hortplätzen zu kurz kommen, während Politik und Verwaltung eine bedarfsgerechte Deckung vorgaukeln.
Im Gegenteil, Kitaplätze müssen offensiv angeboten werden. Die staatlichen Verantwortungsträger dürfen sich nicht länger die Hände reiben bei jedem Kitaplatz, der nicht in Anspruch genommen und möglicherweise dann sogar eingespart werden kann. Die Potenziale frühkindlicher Bildung sind in der breiten Fläche auszuschöpfen. Dass heißt nicht Frühenglisch und Violinkurs im Kindergarten, aber sehr wohl Anregung zu vielfältigem Spiel und Bewegung, vielfältige Materialien an denen sich Kinder ausprobieren und erste Erfahrungen sammeln können und erleben von sozialem Miteinander.
Das bewältigen viele Erzieherinnen und Erzieher auch ohne Fachhochschulausbildung schon heute ganz hervorragend, aber das reicht nicht für morgen. Und wenn Sie einmal bedenken, Frau Behrens, dass der Anteil der Akademiker in der Gesamtbevölkerung in den zurückliegenden rund 40 Jahren ständig zugenommen hat, dann liegt es doch nahe, dass allein schon deshalb, weil hier eine Ebenbürtigkeit mit den Eltern herzustellen ist, die Erzieherinnentätigkeit akademisiert wird.
Herr Weil,
wenn Sie der Meinung sind, die Ausbildung der Kindergärtnerinnen würde für morgen nicht mehr ausreichen, dann machen Sie doch den Vorschlag, wie schon gesagt, den Kindergarten ganz abzuschaffen. Am besten Kinder schon mit 3 Jahren in die Schule, damit sie früh genug eine Akademikerlaufbahn machen (wenn sie denn Abitur schaffen, denn es gibt immer noch genügend “andere” Kinder), Karriere machen und natürlich unsere Renten bezahlen. Es ist mir klar, wenn Sie in diesem Elternrat tätig sind, haben Sie halt diesen Standpunkt. Ich denke, wir kommen hier auf keinen gemeinsamen Nenner. Ich hoffe nur, es bleibt alles “beim alten”. Denn, wir bezahlen sehr wenig Kindergartengebühr, die Plätze für unsere Kinder sind gesichert (ich habe alle früh genug angemeldet). Wir sind absolut zufrieden mit dem “Angebot”. Aber vielleicht finden sich ja doch noch einige Menschen, die meiner Meinung sind. Mal sehen…
Frau Behrens,
es geht mir keinesfalls darum, dass jedes Kind Abitur machen soll. Aber es ist mir wichtig, dass jedes Kind die Chance dazu bekommen soll. Und außerdem sollen diejenigen, die ein Abitur machen und eine Akademikerlaufbahn einschlagen, was statistisch nachweisbar mit einem deutlich höheren Einkommen und deutlich geringerer Gefahr von Arbeitslosigkeit verbunden ist, nicht jenen Teil der Bevölkerung aus den Augen verlieren, der nicht zur “Bildungselite” gehört.
Und genau an dieser Stelle leistet die Kita hervorragende Arbeit viel besser als das eine Schule leisten kann. Denn in der Schule, in Deutschland leider schon völlig unverhältnismäßig stark bereits in der Grundschule, findet eine Auslese statt, die den Schulalltag sehr stark prägt. “Welche Note in Deutsch?” - “Eine Vier, da kannste die Gymnasialempfehlung aber knicken!”. Solche Themen fangen spätestens mit der dritten Grundschulklasse an, in gefährlicher Weise den Schulbetrieb zu dominieren.
Die Kita ist keine Schule und sie darf nicht solche Muster einführen, deshalb wäre es Unfug, vorzuschlagen, die Kinder schon mit drei in die Schule zu schicken. Sie sollen vielmehr die Kita besuchen und zwar möglichst ALLE und ruhig schon ab ein oder zwei Jahren. Dazu braucht es keine Kita-Pflicht, analog zur Schulpflicht. Es reicht vollkommen aus, das entsprechende Angebot an Krippen- und Kindergartenganztagsplätzen und an Hortplätzen kostenfrei und in ausreichender Anzahl zur Verfügung zu stellen.
Meine einzige Sorge ist, dass dann möglicherweise Menschen auf die Idee kommen und sagen: “Was nichts kostet, das taugt auch nichts! Mein Kind wird keine Kita besuchen.” An dieser Stelle ist es wichtig, deutlich zu machen, dass Kita-Plätze sehr wohl eine ganze Menge kosten und dass diese Kosten von allen in der Gesellschaft aufgebracht werden, weil dieser Gesellschaft ein gutes Kita-Angebot wichtig ist.
Sie sagen, sie zahlen relativ niedrige Kita-Gebühren. Das bedeutet aber nicht, dass der Kita-Platz, den ihr Kind belegt, damit bereits zu 100% finanziert wäre. Eine grobe Faustformel besagt, dass ein Kindergartenganztagsplatz etwa 500 Euro kostet, wovon die Eltern etwa zu einem Drittel bis zur Hälfte selbst tragen. (Vielleicht kann mal jemand in diesem Forum diese Faustformel bestätigen oder korrigieren, wenn er’s besser weiß.)
Auch Sie werden vermutlich nicht zu hundert Prozent Ihren relativ günstigen Kindergartenplatz selbst finanzieren. Und es geht mir auch keineswegs darum, die Kindergartengebühren für die Eltern ansteigen zu lassen. Nein, der Staat ist hier gefordert im eigenen Interesse viel stärker zu investieren, als er das bisher getan hat. Tut er’s nicht, so drohen die sozialen Spannungen und Gegensätze in unserer Gesellschaft stark zuzunehmen und wir erleben einen täglichen “Kriegszustand” auf den Straßen, eine Abschottung der Reichen in für Außenstehende unzugängliche Wohngebiete und einen starken Anstieg der Kriminalität.
Investiert der Staat jedoch in Kitas, so besteht die Chance, dass wir auch morgen noch in einer solidarischen, vielleicht sogar einer noch solidarischeren Gesellschaft als heute zusammenleben.
Und zum Investieren gehören besser ausgebildete und besser bezahlte Erzieherinnen und Erzieher und ein kostenfreier Zugang zu professioneller frühkindlicher Bildung. Und damit will ich weder Ihre noch sonst jemandens in der Familie geleistete Arbeit schlecht reden. Die ist auch bei mehr Kita-Angeboten so notwendig wie zuvor, denn die überwiegende Zeit ist auch ein solches Kind, das “ganztags” eine Kita besucht, zu hause.